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Visionen, Konzepte und Szenarien
zeigen Möglichkeiten auf, reagieren auf Krisen und eröffnen zugleich
spezifische historische Perspektiven auf eine imaginierte Zukunft. Sie
artikulieren Erwartungen, Hoffnungen und Befürchtungen, dienen als
Instrumente politischer, gesellschaftlicher oder kultureller
Orientierung und sind als solche stets Ausdruck ihres zeitgebundenen
Kontexts. Nur ein geringer Teil dieser Zukunftsentwürfe wird tatsächlich
realisiert. Gerade ihre Nicht-Erfüllung macht sie jedoch zu
aufschlussreichen Quellen für das Verständnis unserer Gegenwart, indem
sie das Bild der Vergangenheit nuancieren.
Für deutsche bzw. deutschsprachige Gruppen und Individuen im
transnationalen Raum Mittel- und Südosteuropas gilt dies in besonderem
Maße. Ihre Lebenswelten waren über Jahrhunderte hinweg von imperialen
Ordnungen, plurikulturellen Konstellationen, freiwilligen wie
erzwungenen Migrationsprozessen, Phasen der wirtschaftlichen wie
kulturellen Prosperität, politischen Umbrüchen und Gewalt geprägt.
Zukunftsprojektionen entstanden hier häufig unter Bedingungen
permanenter Unsicherheit und Bedrohung – als Hoffnung, Strategie,
Legitimation oder Abwehr. Sie reflektieren soziale Aufstiegsversprechen
ebenso wie Radikalisierungsprozesse, Integrations- und
Abgrenzungsdiskurse, Vorstellungen von Rückkehr, Verlust und neuer
Heimat sowie konkurrierende Ordnungsvorstellungen in Zeiten
tiefgreifenden Wandels.
Besonders deutlich werden diese Ambivalenzen im 19. und 20.
Jahrhundert: Von den Nationalisierungstendenzen der einzelnen Völker
innerhalb der in diesem Raum dominierenden Imperien über deren
Zusammenbruch in der Folge des Ersten Weltkriegs und der darauffolgenden
Neuordnung Europas, der politischen Radikalisierung der
Zwischenkriegszeit, die im Zweiten Weltkrieg mit seinen vielfältigen
Verwerfungen ihren Kulminationspunkt fand, waren auch Deutsche bzw.
Deutschsprachige betroffen. Als politische Akteurinnen und Akteure, als
Täter:innen, Mitläufer:innen wie auch als Opfer − und mithin beides
zugleich.
Die Tagung nimmt solche Zukunftsprojektionen epochenübergreifend und
interdisziplinär in den Blick. Sie versteht Visionen, Konzepte und
Szenarien nicht primär als Prognosen, sondern als historische Quellen,
die Aufschluss über politische Positionierungen, kulturelle
Selbstverortungen, Akteure, Netzwerke und gesellschaftliche
Aushandlungsprozesse geben. Ziel ist es, anhand
deutscher/deutschsprachiger Gemeinschaften im Beziehungsraum Mittel- und
Südosteuropas alternative Zukunftsprojektionen der Vergangenheit
sichtbar zu machen und deren Bedeutung für das Verständnis der Gegenwart
zu reflektieren.
Die Tagung richtet sich an Beiträger:innen aus Geschichts-, Kultur-
und Literaturwissenschaften, sozialwissenschaftlichen Fächern sowie
angrenzenden Disziplinen. Vorschläge zu den folgenden Themen sind
willkommen, ohne darauf beschränkt zu sein:
- Rollenzuschreibungen an Deutsche und andere Gruppen im imperialen Kontext,
- Konzepte wirtschaftlicher Prosperität, Modernisierung und sozialer Ordnung,
- Akteure und Netzwerke, die Zukunftsvisionen und Szenarien erarbeiten
- Raumvisionen und Ordnungsvorstellungen zwischen „Mitteleuropa“,
„Zentraleuropa“, „Zwischeneuropa“, „Ostmitteleuropa“ und „Südosteuropa“,
- Religiöse Zukunftsentwürfe und ihre gesellschaftspolitischen Implikationen,
- Literarische und künstlerische Zukunftsvisionen, literarische Utopien und Dystopien,
- Deutsch als Sprache sozialen Aufstiegs und kultureller Distinktion,
- Deutsch-jüdische Emanzipationsnarrative und Zukunftsvorstellungen,
- Ideologische Konzepte, Radikalisierungsdiskurse und politische Szenarien,
- Alternative Ordnungsvorstellungen und das „deutsche Element“,
- Ethnozentrische und rassistische Vorstellungen und Konzepte,
- Konzepte und Szenarien ethnischer Homogenisierung und „Säuberung“,
- Zukunftsentwürfe und ideologische Umerziehung im Totalitarismus,
- Vorstellungen von Rückkehr in Herkunftsgebiete, Verlust und neuer Heimat,
- Erwartungen, Narrative und Strategien von Auswanderung bzw. Binnenmigration,
- Historische Rückprojektionen als politische Argumentationsressource für die Gegenwart,
- Zukunftsentwürfe und -narrative in erinnerungskulturellen Diskursen,
- Reflektierte Visionen: enttäuschte Erwartungen, gebrochene Hoffnungen und unerfüllte Träume
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